Stabilität und Wandel

Ein Workshop im Rahmen der Kulturkonferenz „Kultur@Nachhaltigkeit“ des Landes Schleswig-Holstein am 17.01.2017 in der „Alten Mu“ in Kiel
Obwohl viele Bereiche des kulturellen Lebens, etwa Institutionen wie Museen oder Disziplinen wie die Kunstgeschichte, per se nachhaltig sind – da sie für die Bewahrung und Sichtbarmachung der geschichtlichen Gewordenheit von Kulturen stehen – ergeben sich im Hinblick auf eine umfassend verstandene ‚Nachhaltigkeit‘ verschiedene Problemfelder, die von den Workshopteilnehmer*innen erörtert und rege diskutiert wurden. Festgehalten wurde hierbei zunächst, dass der im Workshop verwendete Kulturbegriff weit zu verstehen ist, er sich also nicht etwa einseitig auf die Kunst beschränkt, sondern beispielsweise auch den Sport und die Naturgeschichte einbezieht.
Als erstes Problemfeld wurde die Schwierigkeit der Finanzierung benannt. So sind Projektförderungen zwar einerseits erfreulich, andrerseits aber arbeitsintensiv und dadurch energieraubend. Es kann mühsam sein, die passenden Projektpartner aufzutreiben und die Antragstellung durchzuführen. Nicht bewilligte Anträge führen zu Enttäuschungen und Existenzängsten von Mitarbeiter*innen. Auch kann es dazu kommen, dass Projekte in dem Moment, in dem sie ins Laufen gebracht worden sind, aus Finanzierungsgründen eingestellt werden müssen und so eine mittel- und langfristig angelegte Entwicklung unmöglich wird, was unter anderem auch zu einem Verlust von Ideen und Know-how führt, den auch ein neues Projekt nicht auffangen kann. Auch kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, beispielsweise temporäre Engagements von Schauspieler*innen, stellen sich als Problemfeld heraus, da diese sich nicht mit Familien- und Lebensplanung vereinbaren lassen. Als zweites Problemfeld wurde die fehlende Vernetzung von Kulturakteuren und -institutionen thematisiert, die dazu führen kann, dass Kenntnisse und Informationen nicht ausgetauscht, sondern immer wieder neu generiert werden müssen, was zu einem erheblichen Mehraufwand führt. So kann beispielsweise an einer Institution exakt das Wissen, die Technik oder das Personal vorhanden sein, das eine andere Institution oder Gruppierung benötigt. Hier wurde auch diskutiert, inwieweit mehr Transparenz möglich wäre, um einen besseren Überblick darüber zu haben, welche Ressourcen wo vorhanden sind. Als drittes Problemfeld wurde definiert, dass der gesellschaftliche Wandel mitgedacht werden muss, wenn eine langfristige Stabilität von Angeboten angestrebt wird. Wenn beispielsweise die Vermittlung kultureller Themen zentral für Institutionen ist, so stellt sich die Frage danach, ob tradierte Formen, wie Vorträge oder Führungen, immer noch zeitgemäß sind, in andere Formate überführt oder durch Angebote ergänzt werden müssen.
Während für das Problem der Finanzierung kaum Lösungsvorschläge gefunden werden konnten, gab es für die beiden anderen Problemfelder zahlreiche Ansätze. So wurde die Idee diskutiert, ob große und stabile Institutionen als „Mutterschiffe“ fungieren und kleinere Initiativen und Akteure ‚mitziehen‘ und unterstützen könnten. Als Beispiel wurde hier das Engagement der Muthesius Kunsthochschule vorgestellt, die über das Projekt „Kunst hoch Schule“ Arbeitsmöglichkeiten für Künstler*innen bietet, Impulse zu zeitgenössischen Kunstformen in die Schulen gibt und damit auch für die Nachwuchsförderung der Kunsthochschule sorgt – ein Kreislauf, der sich nachhaltig sowohl für die Kunsthochschule als auch für die Schulen auszahlt. Auch der „Prima Kunst“-Container an der Stadtgalerie Kiel ist ein Beispiel einer gewinnbringenden Zusammenarbeit eines etablierten Kunstraums mit einer Produzentengalerie, die dadurch kosten- und personalsparend agieren kann. Aber auch kleinere Kooperationen, die kostenfreie Bereitstellung von Räumen und anderen Ressourcen könnten für kleinere Initiativen hilfreich sein und die Vielfalt der Angebote in Schleswig-Holstein langfristig sichern. Für das dritte Problemfeld, die zentrale Aufgabe der Vermittlung, wurde festgehalten, dass es elementar ist, die spezifischen Erwartungen und Erfordernisse der Zielgruppe eines Angebotes zu kennen und zu berücksichtigen. Hierbei wurde benannt, dass auch das Generieren neuer Zielgruppen bedacht werden muss – vom Kleinkindalter an bis ins hohe Lebensalter, von unterschiedlichster Herkunft, mit unterschiedlichsten sprachlichen und anderen Voraussetzungen und Einschränkungen. Hierfür müssen neue Formate entwickelt und erprobt werden können oder auch der Erhalt bewährter Vermittlungsformen gewährleistet sein, damit auch langfristig vermittelt werden kann, was eingangs als ‚Bewahrung und Sichtbarmachung der geschichtlichen Gewordenheit von Kulturen‘ festgehalten wurde. Kurz: Es könnte darum gehen, Stabilität und Wandel zu verbinden, Synergien zu schaffen, Bestehendes durch beständige Aktualisierung zu erhalten. (Friederike Rückert)